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Folker-Halbmast



Souleymane Touré

SOULEYMANE TOURÉ


18.10.1938, Daloa, Elfenbeinküste,
bis 20.4.17, Berlin


Irgendwann Anfang der Neunzigerjahre in einem Club in Conakry. Die Afrojazzband um den Pianisten und Keyboarder Cheikh Smith ist in vollem Gange, als der Strom ausfällt. Bis der Generator anspringt, dauert es erfahrungsgemäß immer eine gefühlte kleine Ewigkeit – es droht ein Stimmungsloch. Souleymane Touré rettet die Situation und legt ein Schlagzeugsolo hin, dass sich alle im Saal die Augen reiben: kraftvoll und virtuos, an manchen Stellen leicht und fast zerbrechlich, immer auf den Punkt, alles wie aus einem Guss. Was für eine Leistung – auch in puncto Kondition. Das Publikum ist erst wie gebannt und dann völlig aus dem Häuschen, als der Strom wiederkehrt. Souleymane Touré war ein Ausnahmepercussionist, der alle Schlaginstrumente beherrschte und sich letztlich gegen die große Karriere und für eine Verankerung in der Berliner Szene entschied. Bereits als Kind erlernt der in eine ivorische Griotfamilie geborene Touré das Percussionspiel. 1962 bis 1972 arbeitet er mit dem damals in der Elfenbeinküste populären Gitarristen und Sänger Mamadou Doumbia zusammen. 1975 wird er Mitglied des legendären Radio- und TV Orchester (RTI) Abidjan, das von Africando-Mitbegründer Boncana Maiga geleitet wird. Dort trifft er den Saxofonisten Manu Dibango, Erfinder des Soul Makossa, der 1972 als erster afrikanischer Musiker einen Nummer-eins-Hit in den USA landete, und beginnt, gemeinsam mit ihm aufzutreten. 1982 gründet Touré mit dem Reggaesänger Alpha Blondy die Band Solar System, die im selben Jahr den Longplayer Jah Glory! mit dem Song „Brigadier Sabari“ einspielt, der Blondy international berühmt macht; es folgen Tourneen nach Europa und in die USA. 1992 kommt Touré mit der Band um die Sängerin Aicha Koné nach Berlin und bleibt. Seine Fähigkeit, sich schnell in unterschiedliche Bands und Musikstile einzudenken und -zufühlen, kommt ihm dabei zugute, sich alsbald seinen Platz im Nachwende-Berlin zu erspielen. Er gründet das Ensemble Academy Percussion, spielt mit seiner Lebensgefährtin Maja Joell und seiner Tochter Djatou Touré in der Gruppe Easy Goin’ und arbeitet unter anderem mit der African Jazz Band Black Heritage um die madagassische Sängerin MfA Kera sowie dem russischen Pianisten und Sänger Sasha Pushkin zusammen. Mit seinen Improvisationen begleitet er auch Lesungen wie die des Schriftstellers Gregor Laschen. 2009 erhält Souleymane Touré beim Black-History-Month in Berlin den Cultural Diplomat Award. Musikalisch wie menschlich hinterlässt der Ausnahmemusiker eine große Lücke.

Sabine Froese



Hans Hegner * Foto: Cosima Hoffmann

HANS HEGNER


25.8.1959, Berlin,
bis 10.5.2017, Berlin


Hans Hegner war nicht nur Interpret mittelhochdeutscher Lieder, er war Minnesänger durch und durch. Das Wort „Authentizität“ vermied er und war doch mit seiner Hingabe und seiner großen, bedingungslosen Liebe dem Ideal der Minne so nah wie kaum ein anderer. In den Siebzigern verliebte er sich in die Lieder der Gruppe Ougenweide, begann, diese zu singen, und lernte, eine Vielzahl historischer Instrumente zu spielen – Blockflöten, Drehleier, Doppelrohrblattinstrumente und verschiedene Trommeln. Und er gab das Feuer, das in ihm für diese Musik brannte, in den folgenden vierzig Jahren an viele Menschen weiter. Mit dem Ziel, den Minnesang auf die Bühne zu bringen, studierte Hans Hegner Mediävistik und Vergleichende Sprachwissenschaft in Berlin und Salzburg. Die ersten öffentlichen Konzerte gab er 1983. Sechs Jahre später gründete er das Duo Fundevogel und begann, Vorträge über die Geschichte des Minnesangs zu halten. Er spielte außerdem in der Gruppe Collage – Forum für frühe Musik, im norddeutschen Trio Vinkoop und im Duo Kleine Sekunde. Darüber hinaus war Hans an vielen Produktionen des Musiktheaters Dingo beteiligt sowie an Veranstaltungen des Berliner Kinder-, Jugend- und Familienzentrums FEZ. An diversen CD-Produktionen wirkte er mit, und er war ein geschätzter Mittelhochdeutschübersetzer, Kursleiter für Drehleier, Ensemblespiel und mittelhochdeutsche Literatur. Auch Hören konnte er Musik mit unglaublicher Begeisterung, reiste durch halb Europa, um Festivals und Konzerte seiner Lieblingsbands zu erleben. Hans Hegner war Vater von zwei Söhnen, pflegte viele Jahre seine kranke Mutter und stand seinen Freunden stets mit größter Hilfsbereitschaft zur Seite. Er starb in seinem geliebten Schlosspark an Herzversagen. Für die Jahre mit Hans bin ich sehr dankbar.

Cosima Hoffmann



Jimmy LaFave

JIMMY LAFAVE


12.7.1955, Wills Point, Texas, USA,
bis 21.5.2017 Austin, Texas, USA


Drei Tage vor seinem Tod trat Jimmy LaFave noch einmal bei einem ausverkauften Tributekonzert in Austin auf die Bühne, um von seinen Fans Abschied zu nehmen. Seitdem haben seine Folkfreunde viele weitere Gedenkkonzerte gegeben. Darunter beim jährlichen Kerrville Folk Festival, wo sie LaFaves schon traditionellen Auftritt übernahmen und Songs des lange Zeit in Oklahoma lebenden Singer/Songwriters vortrugen, die er geschrieben oder mit seiner Tenorstimme zu seinen eigenen gemacht hatte. Darunter „Never Is A Moment“, „Walk Away Renee“ und einige seiner eindrucksvollen Dylan-Interpretationen. Bei dem Konzert am 18. Mai, wo er unter anderem „Goodnight, Irene“ sang, bat LaFave das Publikum, sich um seinen fünfzehnjährigen Sohn Jackson zu kümmern. Wenige Wochen zuvor war er noch bei den Feierlichkeiten zum vierten Jahrestag der Eröffnung des Woody Guthrie Centers aufgetreten. Als langjähriger Anhänger des legendären Troubadours und Beiratsmitglied des Guthrie-Festivals in Okemah, Oklahoma, war er daran beteiligt gewesen, das Guthrie-Archiv nach Tulsa zu holen. Noch bis zu seinem Tod arbeitete der Musiker an der Vertonung und den Aufnahmen von zwanzig Guthrie-Texten, die ihm Guthries Tochter Nora gegeben hatte. Vor LaFaves Auftritt in Tulsa sagte der Direktor des Grammy-Museums, Bob Santelli, in einem Gespräch mit ihm, dass er mehr als nur ein Guthrie-Jünger gewesen sei. „Du hast mehr als nur die Lieder verkörpert“, meinte Santelli. „du hast seine Botschaft verkörpert.“ In der Tat hatte Jimmy LaFave über viele Jahre hinweg Guthries Songs und Ansichten in einer Art Musikrevue mit wechselnden Musikerkollegen unter dem Titel „Ribbon Of Highway – Endless Skyway“ überall in den USA auf die Bühne gebracht. Seine Inspiration beschrieb Woody Guthrie einmal als „Mann, der eine Gitarre nahm und seine Stimme, seine Persönlichkeit sowie die Alltagssprache benutzte, um über das menschliche Dasein zu sprechen“. Das lässt sich auch für Jimmy LaFave sagen, der von allen geliebt wurde – nicht nur für seine Begabung, sondern auch für seine Freundlichkeit und seine Großzügigkeit sowie für seinen Humor und seinen Geist.
Übersetzung: Michael Kleff

Lynne Margolis