Folker-Logo   Abo   Mediadaten/Anzeigen


Suche
   Intern   Über uns


Kontakt/Impressum/Datenschutz

       
Backkatalog   Ausgabe Nr. 4/2016   Internetartikel
»Diese Traditionen gehen verloren. Man tanzt nicht mehr die Tänze, die wir früher gespielt haben.«
Monel Trifan
Fanfare Ciocărlia * Foto: Grit Friedrich

[Zurück zur Übersicht]



Dieser Artikel ist ein Auszug aus der Printversion, das Heft kann bestellt werden unter www.irish‑shop.de.

Oder gleich zum (Schnupper-)Abo.







Auswahldiskografie:


Onwards To Mars!
(Asphalt Tango Records, 2016)

20
(Do-LP; Asphalt Tango Records, 2016)

Devil’s Tale
(mit Adrian Raso; Asphalt Tango Records, 2014)

Queens And Kings
(Asphalt Tango Records, 2007)

Iag Bari
(Piranha Records, 2001)

Radio Paşcani
(Piranha Records,1998)



Cover 20



Cover Onwards To Mars!



Blech auf Reisen

Die Romabrassband Fanfare Ciocărlia feiert Jubiläum

Zwanzig Jahre erfolgreich unterwegs zwischen Berlin, Tokio und New York

Die Fanfare Ciocărlia aus dem Romadorf Zece Prăjini im Nordosten Rumäniens hat die ganze Welt bereist. Seit zwei Jahrzehnten erfindet sich diese Romaband konstant neu – was mit einem rein lokalen Repertoire begann, wurde eine brisante Mischung aus Stilen. Die Musiker bedienen sich schon lange nicht mehr nur auf dem Balkan, sondern auch bei Filmmusik, Pop und Jazz. Für ihre Alben starteten sie erfolgreiche Kollaborationen, zuletzt mit dem kanadischen Gitarristen Adrian Raso und seiner Band. Das neue Album Onwards To Mars! erschien im April, kurz darauf die Doppel-LP 20 – ein liebevoll ediertes Sammlerstück.

Text: Grit Friedrich

1997 im Juni, Ioan Ivancea sitzt vor seinem Haus in Zece Prăjini. Das Dorf der „Lerchenbläser“ unterscheidet sich kaum von anderen im Norden der rumänischen Region Moldau. Eine zerfahrene Straße, die noch nie Asphalt gesehen hat, bunt verputzte Häuser, die sich an einen Hügel schmiegen. Fast eine Idylle. Als der rumänische Diktator Nicolae Ceaușescu noch regierte, verdienten die Männer ihren Lebensunterhalt in Fabriken der nahen Kleinstadt Roman. Dorthin brachte sie der Bummelzug aus Zece Prăjini.
In den Neunzigerjahren verlässt bei Tagesanbruch kaum noch ein Mann das Dorf, viele verlieren ihre Stelle mit den Entlassungen nach dem Umsturz. Doch Ioan Ivancea, seine Söhne und ihre Freunde aus dem Dorf haben Glück. Sie beherrschen ein Handwerk, das ihnen ein neues Leben jenseits der Fabrikarbeit ermöglicht. Sie sind Virtuosen auf ihren Blechblasinstrumenten. Außerhalb Rumäniens kennen dieses Dorf nur eine Handvoll Insider. Aber sie werden entdeckt. Im Herbst 1996 nimmt sich ein Toningenieur aus Berlin der Band an, erinnert sich Basstubaspieler Monel Trifan. „Wir wurden von Henry Ernst entdeckt. Wir Musiker waren Freunde, Familie, Bekannte. Oprica und Laurențiu sind Brüder. Wir sind zusammen aufgewachsen. Meine Eltern lebten drei Häuser neben der Familie Ivancea. Wir spielten vor allem auf Hochzeiten und sind da immer zu Fuß hingegangen. Vier, fünf Kilometer, Sonntagfrüh los und Montagabend wieder nach Hause. Das war schön, das war meine Jugend. Und Bass ist Bass. Alle tanzen zum Bass. Pinca, Laurențiu, Şulo und ich, wir sind die Bassisten der Band, wir bestimmen den Rhythmus.“
In einigen Dörfern im Norden Rumäniens gibt es bis heute Blaskapellen, doch weltberühmt wurde nur die Fanfare Ciocărlia aus Zece Prăjini. Woher die Tradition der Blechbläser stammt, kann man nicht genau sagen. Sicher ist, dass die rumänischen Fürstentümer Moldau und Walachei, als sie von osmanischen Truppen unterworfen wurden, auch die Militärorchester der Osmanen kennenlernten. Im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert waren im benachbarten Siebenbürgen Blaskapellen der deutschen Minderheit oder Militärkapellen der K.-u.-k.-Armee sehr beliebt. Doch Ioan Ivancea erzählte gern noch eine andere Geschichte. Die Roma aus Zece Prăjini konnten nach dem Ende der Sklaverei in Rumänien 1855/56 ein eigenes Dorf gründen. Sie bekamen vom Grundbesitzer im nahen Dagâța genau zehn Felder geschenkt, nichts anderes bedeutet der Name des Fleckens. Und weil seine Bewohner von der Feldarbeit so zerschundene Hände hatten, konnten sie mit diesen eben nur Blasinstrumente spielen, keine Geige, keinen Bass, kein Zymbal wie im Süden Rumäniens. Und so war es ganz natürlich, dass die Söhne des Bandgründers Ioan Ivancea zuerst zu einem Blasinstrument griffen. Es gab keine andere Zerstreuung im Dorf, als er klein war, erzählt Laurențiu Ivancea. Er war Teenager, als seine internationale Karriere begann, und gehört bis heute zum Kern der Band. „Wenn du nach Iași, Bacău oder Vaslui kommst, wissen alle, hier leben Musikanten, Ursari [so nannte man die Romastämme, die sich als Bärenführer auf Jahrmärkten verdingten; Anm. d. Red.]. Mein Vater wollte aus mir auch einen Klarinettisten machen, aber mir hat dieses Instrument nicht gefallen. Ich habe mich anders entschieden, mein Bruder Ciprian spielte Baritonhorn, dann zog er weg und sein Instrument stand herum. Mein Vater hat mich an seinen Platz in der Band gestellt, und so habe ich es gelernt. Ohne es groß zu wollen.“

... mehr im Heft.